Anke Pagels-Kerp
Raumschiff Erde: Ein dünner Biofilm und die Kunst, sich nicht so wichtig zu nehmen
09.06.2026 71 min
Zusammenfassung & Show Notes
Was hat ein Röntgensatellit mit einer Gleitsichtbrille zu tun, warum ist der Akkuschrauber ein Kind der Raumfahrt, und warum könnte ausgerechnet der Blick von außen – auf die Erde als hauchdünnen Biofilm auf einer großen Kugel – der Anfang eines guten Lebens hier unten sein? Darüber spreche ich in dieser Folge mit Anke Pagels-Kerp: Physikerin, Astronomin und beinahe Astronautin. Die Bewerbung beim neuen Astronautenkorps ließ sie damals liegen, zwei kleine Kinder waren ihr wichtiger. Geblieben ist die Liebe zu dem, was sie unser gemeinsames Raumschiff nennt.
Anke beginnt nicht bei der Technik, sondern bei einer Haltung. Eine gute Welt, sagt sie, fängt damit an, dass wir uns selbst nicht so wichtig nehmen. Macht sei im Kern nur die Behauptung „Ich bin wichtiger als du" – ob zwischen Menschen, zwischen Gesellschaften oder zwischen Kontinenten. Wo diese Behauptung verschwindet, lösen sich für sie schon erstaunlich viele Probleme von selbst. Und so entsteht das Fundament: Menschen, die so in sich ruhen, dass sie andere weder ausbeuten noch fürchten müssen. Wir streifen dabei Jena, Goethe und Schiller und das „Nordic Secret" – die Idee, Räume zu schaffen, in denen Menschen selbst zur Ruhe finden – und Tyson Yunkaporta mit seinem indigenen Rat, einem Wasserlauf zu folgen, bis ein Ökosystem einen nach Jahren aufnimmt.
Aus dieser Ruhe heraus, so Ankes These, fällt auch die Angst vor Veränderung ab. Sie erzählt vom Passivhaus, das sie vor zwanzig Jahren baute, und vom Elektroauto, das sie sich vor zwölf Jahren zulegte, als man ihr beides noch für verwegen hielt – und niemand im Winter in der Daunenjacke frieren musste. Die Welt geht nicht unter, wenn wir uns verändern. Sie verändert sich nur. Dazu passt ihr fast trotziger Optimismus in der Energiefrage: Wir verbrennen 19 Terawatt und verbrauchen 150 Milliarden Tonnen Material im Jahr, während über uns ein Fusionsreaktor 172.000 Terawatt liefert. Es gibt kein Energieproblem, nur ein Umsetzungsproblem. Und es gibt eine Menge Transportlügen – etwa die importierte Banane, die billiger ist als die vor Ort gewachsene, weil wir den Transport massiv subventionieren und so tun, als wäre Verbrennen klug.
Dann räumt Anke mit einem Mythos auf: Teflon kam nicht aus dem All. Die Gleitsichtbrille hingegen schon, sie verdankt sich dem Spiegelschliff eines Röntgensatelliten; ebenso der Akkuschrauber und die Hochleistungssolarzelle. Spannender als diese Anekdoten ist die Leitfrage, die hinter jeder ihrer Entwicklungen steht: Was nützt das auf der Erde? Aus der Frage, wie man auf einer Raumstation Wasser und Abfälle im Kreislauf hält, sind Filtersysteme entstanden, die heute im Schrebergarten geruchsneutralen Dünger ohne Medikamentenrückstände liefern. Aus der Idee, ohne Arzt auf dem Mond auszukommen, wurden OP-Roboter für unterversorgte Regionen und Roboterarme, die Pflegebedürftigen ein Stück Autonomie zurückgeben. Und Infrarotkameras, die einst Hitzeverteilungen auf anderen Planeten messen sollten, erkennen heute Waldbrände von Drohnen aus, bevor sie sich ausbreiten.
Besonders eindrücklich wird es beim Blick nach unten. Satelliten messen Bodenfeuchte bis in mehrere Meter Tiefe, erkennen Monokulturen, lesen am Chlorophyllgehalt der Blätter ab, ob ein Wald austrocknet, lange bevor er es zeigt. Führt man diese Daten zusammen – trockener Boden, steile Hänge, Monokultur, Wetterzelle –, lassen sich Katastrophen wie im Ahrtal vorhersehen. Wir leben, sagt Anke, in einem geschlossenen System: Was wir wegwerfen, ist nicht weg, es kommt zurück, in welcher Form auch immer.
Zum Schluss wagen wir den Sprung in die Politik des Orbits. Das Kessler-Syndrom bedroht die Satelliten, von denen längst unser Alltag abhängt – von der Navigation bis zum Zeitsignal im Geldautomaten –, und der Weltraummüll ist mit erhobenem Zeigefinger allein nicht zu regieren. Daraus entsteht der vielleicht schönste Gedanke des Gesprächs: Vielleicht müssen wir lernen, geopolitisches Gleichgewicht nicht länger über gegenseitige Vernichtung zu denken, sondern über gegenseitiges Gedeihen. Denn am Ende bleibt Ankes nüchterne, tröstliche Pointe: Die Erde lebt auch ohne uns, und zwar lange. Die Frage ist allein, ob wir sie so erhalten, dass auch wir auf ihr leben können.
Anke beginnt nicht bei der Technik, sondern bei einer Haltung. Eine gute Welt, sagt sie, fängt damit an, dass wir uns selbst nicht so wichtig nehmen. Macht sei im Kern nur die Behauptung „Ich bin wichtiger als du" – ob zwischen Menschen, zwischen Gesellschaften oder zwischen Kontinenten. Wo diese Behauptung verschwindet, lösen sich für sie schon erstaunlich viele Probleme von selbst. Und so entsteht das Fundament: Menschen, die so in sich ruhen, dass sie andere weder ausbeuten noch fürchten müssen. Wir streifen dabei Jena, Goethe und Schiller und das „Nordic Secret" – die Idee, Räume zu schaffen, in denen Menschen selbst zur Ruhe finden – und Tyson Yunkaporta mit seinem indigenen Rat, einem Wasserlauf zu folgen, bis ein Ökosystem einen nach Jahren aufnimmt.
Aus dieser Ruhe heraus, so Ankes These, fällt auch die Angst vor Veränderung ab. Sie erzählt vom Passivhaus, das sie vor zwanzig Jahren baute, und vom Elektroauto, das sie sich vor zwölf Jahren zulegte, als man ihr beides noch für verwegen hielt – und niemand im Winter in der Daunenjacke frieren musste. Die Welt geht nicht unter, wenn wir uns verändern. Sie verändert sich nur. Dazu passt ihr fast trotziger Optimismus in der Energiefrage: Wir verbrennen 19 Terawatt und verbrauchen 150 Milliarden Tonnen Material im Jahr, während über uns ein Fusionsreaktor 172.000 Terawatt liefert. Es gibt kein Energieproblem, nur ein Umsetzungsproblem. Und es gibt eine Menge Transportlügen – etwa die importierte Banane, die billiger ist als die vor Ort gewachsene, weil wir den Transport massiv subventionieren und so tun, als wäre Verbrennen klug.
Dann räumt Anke mit einem Mythos auf: Teflon kam nicht aus dem All. Die Gleitsichtbrille hingegen schon, sie verdankt sich dem Spiegelschliff eines Röntgensatelliten; ebenso der Akkuschrauber und die Hochleistungssolarzelle. Spannender als diese Anekdoten ist die Leitfrage, die hinter jeder ihrer Entwicklungen steht: Was nützt das auf der Erde? Aus der Frage, wie man auf einer Raumstation Wasser und Abfälle im Kreislauf hält, sind Filtersysteme entstanden, die heute im Schrebergarten geruchsneutralen Dünger ohne Medikamentenrückstände liefern. Aus der Idee, ohne Arzt auf dem Mond auszukommen, wurden OP-Roboter für unterversorgte Regionen und Roboterarme, die Pflegebedürftigen ein Stück Autonomie zurückgeben. Und Infrarotkameras, die einst Hitzeverteilungen auf anderen Planeten messen sollten, erkennen heute Waldbrände von Drohnen aus, bevor sie sich ausbreiten.
Besonders eindrücklich wird es beim Blick nach unten. Satelliten messen Bodenfeuchte bis in mehrere Meter Tiefe, erkennen Monokulturen, lesen am Chlorophyllgehalt der Blätter ab, ob ein Wald austrocknet, lange bevor er es zeigt. Führt man diese Daten zusammen – trockener Boden, steile Hänge, Monokultur, Wetterzelle –, lassen sich Katastrophen wie im Ahrtal vorhersehen. Wir leben, sagt Anke, in einem geschlossenen System: Was wir wegwerfen, ist nicht weg, es kommt zurück, in welcher Form auch immer.
Zum Schluss wagen wir den Sprung in die Politik des Orbits. Das Kessler-Syndrom bedroht die Satelliten, von denen längst unser Alltag abhängt – von der Navigation bis zum Zeitsignal im Geldautomaten –, und der Weltraummüll ist mit erhobenem Zeigefinger allein nicht zu regieren. Daraus entsteht der vielleicht schönste Gedanke des Gesprächs: Vielleicht müssen wir lernen, geopolitisches Gleichgewicht nicht länger über gegenseitige Vernichtung zu denken, sondern über gegenseitiges Gedeihen. Denn am Ende bleibt Ankes nüchterne, tröstliche Pointe: Die Erde lebt auch ohne uns, und zwar lange. Die Frage ist allein, ob wir sie so erhalten, dass auch wir auf ihr leben können.
Feedback geben
Dir gefällt der Podcast und Du möchtest das mal loswerden? Du hast Tipps für neue Themen oder magst über den Inhalt bestimmter Folgen diskutieren? Dann wähle im Formular die jeweilige Episode aus und schreib uns eine Nachricht. Vielen Dank für Dein Feedback!